Taiji

Bewegungskust zwischen Selbstberteidigung und Medizin

Dr. Günther Tonn

Taiji Quan (auch Tai Chi Chuan oder T’ai Ch’i Chuan) ist heute jedem(r) ein Begriff. Doch die wenigsten wissen, daß Taiji Quan mehr ist als die sanften Bewegungsfolgen, die an Volkshochschulen als Peking-Form vermittelt werden. Wer Taiji Quan auf diesem Niveau abschließt, ist vergleichbar dem Karate-Anfänger, der sich nach Erlernen der Heian Shodan als Schwarzgurt fühlt. Taiji Quan ist hingegen eine Kampfkunst, die unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten im körperlichen und geistigen Bereichen ermöglicht.

 

Was ist Taiji-Quan

Taiji Quan ist eine alte chinesische Kampf- und Bewegungskunst. Es dient zur Entwicklung von Körper und Geist im Sinne der Lebenspflege, Gesundheit, dem ganzheitlichem Wachstum, sowie der Selbstverteidigung. Taiji Quan ist meditativ und körperkräftigend, fördert die Entfaltung der inneren Energie (Qi) und ist als solche therapeutisch als auch kämpferisch einsetzbar. Die Bewegungen sind sanft und fließend, voller Ausdruck, Schönheit und Energie.

Taiji ist begründet auf die Philosophie von Yin und Yang (Daoismus), der Vereinigung von Gegensätzen, sowie der Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Es verbindet Selbstverteidigungsbewegungen (Wushu) mit der Führung der inneren Energie (Qigong) und gilt daher als "innere" Kampfkunst.

Da innere Energie anstelle von Muskelkraft gefördert wird, ist Taiji Quan von jung und alt, Mann und Frau, klein und groß gleichermaßen erfolgreich ausübbar.

 

Herkunft des Taiji Quan

Taiji Quan gehört zu den Kampfkünsten (chin.: Wushu, jap. Budo)

Quan bedeutet Faustkampf im Sinne von Kampf mit bloßer Hand - Taiji bedeutet das "höchste Äußerste" oder "höchster First".

Im chinesischen Wushu unterteilt man in die äußeren Schulen des Faustkampfes (Waijia Quan) wie Shaolin Kung Fu,.... Karate-Do, und die innere Schule des Faust-kampfes (Neijia Quan) wie Taiji Quan, Pa Kua, Hsing-I. An anderer Stelle wird auf die Zusammenhänge und Unterschiede der inneren und äußeren Faustkampfschulen eingegangen werden, hier ist für uns wichtig zu wissen, daß vor allen der Daoismus das prägende Element für Taiji Quan war.

Uns allen ist das Taiji-Symbol vertraut. Es wurde bereits auf uralten Urnen (>3000 Jahre) gefunden. Der äußere Kreis symbolisiert den Kosmos, der das Yang (Licht...) und das Yin (Dunkel....) enthält. Die geschwungene, trennende Linie steht für die ewige Bewegung, der miteinander verbundenen Elemente. Im Zentrum des äußersten Yang befindet sich der Kern des Yin und umgekehrt. Dies ist der Ausdruck des dualistischen Prinzips, das wir in dieser Form auch in der modernen Naturwissenschaft wiederfinden (Teilchen-Welle, Dipol, Ladung, Chaos-Schöpfung..)

Der Ursprung des Taiji Quan wird gewöhnlich auf den großen Daoisten Zhang Sangfeng (12. Jhdt. n. Chr.) zurückgeführt, der aus der Beobachtung des Kampfes einer Schlange gegen einen Kranich die Taiji Quan - Bewegungen ableitete. Die weichen, geschmeidigen Bewegungen der Schlange zeigten sich erfolgreich gegen die harten, stoßenden Bewegungen des Kranichs.

Nachprüfbar leiten sich die großen Taiji-Stile aus dem Chen-Stil ab, den der Militäroffizier Chen Wanting (1597-1664) begründete. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wurde Taiji Quan auch an Interessierte außerhalb der Chen Familie weitergegeben. Hieraus entwickelten sich die verschiedensten Stile, wie z.B. Yang-, Wu-, älterer Wu- und der Sun-Stil. Diese Stile, die hauptsächlich in den Familien unter Geheimhaltung weitergegeben wurden, sind erst nach dem 2. Weltkrieg im Westen verbreitet worden.
Der ursprüngliche Chen-Stil ist mit langsamen, fließenden aber ebenso dynamischen und explosiven Bewegungen (z.B. Sprungtritte,...) noch sehr selbstverteidigungsnah und erinnert mit diesen gegensätzlichen Techniken stark an das Goju Ryu-Karate.

Der aus dem Chen-Stil entwickelte Yang-Stil ist der im Westen bekannteste Taiji Quan-Stil. Durch Weglassen der explosiven Elemente und stärkerer gesundheitlichen Ausrichtung bietet er jedem die Möglichkeit der Ausübung. Da jedoch die Faust-Solo-Form aus 108 Einzelbewegungsbildern besteht und ca. 25 Minuten dauert, ist sie kognitiv sehr anspruchsvoll. Um die gesundheitlichen Vorzüge der Allgemeinheit zugänglich zu machen, wurde in Peking durch die chinesische Regierung eine sehr stark verkürzte Form in Auftrag gegeben, die uns heute als die Peking-Form mit 24 Bewegungsbildern (5-6 Min.) bekannt ist. Auf die Besonderheiten der anderen Stile wie Wu, älterer Wu, Sun-und Lee-Stil soll hier nicht weiter eingegangen werden.

 

Bewegungsformen des Taiji Quan

In allen großen Stilen werden Faust- oder Soloformen, Waffen-Formen sowie Partner- oder Freikampfformen geübt. Gewöhnlich beginnt man mit einer kurzen Soloform (z.B. Pekingform). Nach Erlernen dieser Grundbewegungsmuster folgt dann eine lange Soloform (Yang-Stil 108,....). Werden Bewegungen und Prinzipien beherrscht, wird zu den komplizierteren Waffenformen übergegangen. Typisch sind Degen- (Taiji-Jian), Schwert- (Taiji-Dao), Säbel-, Doppelwaffen-, Stock-, Lanze/Speer-, Fächer-, aber auch seltene Ball (Kugel)-Formen.

In China lernt man häufig die Partner- und Kampfformen vor der Solo- und Waffenform. Zu den wichtigsten Partnerformen gehört das Tui Shou (stoßende oder schiebende Hände). In vorgeschriebenen Bewegungen versucht man die Energie zielgerichtet einzusetzen und angreifende Kräfte mit geringstem Aufwand unter Kontrolle zu bringen, abzulenken, zu kontern und den Gegner um innere und äußere Balance zu bringen. Pao Chui bedeutet eine schnelle Form mit dem Partner, der deckungsgleich, entgegengesetzte Bewegungen ausführt, wobei jeder Angriff geblockt und gekontert wird (auch San Shou = Lösen der Hände).

Diese Partner/Kampfübungen werden auch frei (und im Wettkampf) durchgeführt, wobei allerdings das Ziel ist, das Gleichgewicht des Gegners zu brechen. Im kantonesischem Dialekt nennt man die Partnerübungen Chi Sao, die klebenden Hände, die ganz ähnlich in vielen Kung Fu-Stilen geübt werden. Der eigentliche Kampfeffekt war freilich, einen Gegner durch Vitalpunktstimulation augenblicklich oder auch verzögert, zu schädigen. Es wird berichtet, daß frühere Taiji-Meister die Tödlichkeit ihrer Techniken an Gefangenen erprobten. Allein durch großes medizinisches Wissen konnte man daher zur Meisterschaft gelangen. Eine Grundregel im Wushu besagt: "Nur wer erst das Heilen erlernt hat, ist in der Lage ein guter Kämpfer zu werden." Untrennbar ist dabei die Entwicklung der Fertigkeit gepaart mit charakterlicher Entwicklung. Zur Taiji Quan Ausbildung gehört untrennbar, neben der Kultivierung des Qi, die meditative und spirituelle Entwicklung, die in Zen-ähnlichen Meditationstechniken vermittelt wird.

 

Taiji Quan und chinesische Medizin

Umgekehrt stellt auch das Taiji Quan Training ein bedeutsames Heilverfahren in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) dar. Qigong, Taiji Quan, chinesische Medizin und die chinesische Lebenspflege beziehen sich auf denselben Hintergrund, die Arbeit mit der universellen Lebensenergie Qi (Ki). Qi ist gekoppelt mit der Blutzirkulation. Man spricht in der chinesischen Medizin von Jing Luo, einem Netz von Energiebahnen (Meridiansystem), das alle Organe mit der Oberfläche der Haut verbindet. Dazu gehören einzelne Körperpunkte auf sogenannten Hauptmeridianen, die durch Stimulation bestimmte Wirkungen im Körper produzieren können (Akupunktur mit Nadeln: Ableiten von zuviel Energie - Moxibution: Zuführen von Energie/Wärme durch Abbrennen von Beifußkräutern). Weitere Aspekte spielen Energiereservoire im Körper wie die drei Dantians, das Lenker- und Konzeptionsgefäß.

Qi, Jing und Shen werden als die 3 Schätze bezeichnet. Jing ist die Essenz, die materielle Speicherung des Qi, sowie die vorgeburtlich angelegte Erbsubstanz eines Menschen. Shen entspricht dem Geist (Bewußtsein), ohne dessen Führung wir nicht lebensfähig wären.

Taiji wird in China als Teil der Krankenbehandlung und in der Rekonvaleszenz eingesetzt. Noch wichtiger aber ist Taiji Quan als präventive Lebenshilfe für eine Vielzahl von nicht nur orthopädischen Beschwerden. Taiji und Qigong werden bei vielen Störungen der inneren Organe eingesetzt. Umso mehr ist Taiji Quan als ganzheitliches Konzept zu verstehen. Durch Taiji erreichen und bewahren wir die Harmonie des gesamten Körpers. Krankheiten entstehen nach chin. Medizin durch Blockaden im Qi-Fluß. Durch Taiji Quan werden blockierte Funktionen durch erhöhten Qi- und Blutfluß entstaut und der Geist (Shen) wird klarer und bewußter. Als relativ Gesunder kann das stetige Üben unseren Körperzustand und die Abwehrfunktion (Wei Qi) gegenüber Krankheiten verbessern, was auf längere Sicht zu den nachgesagten lebensverlängernden Prozeß durch Taiji Quan führen kann. Dabei sollten aber 70% der Krankheitsbehandlung Lebenspflege sein (Taiji Quan, Qigong, Ernährung, Lebensführung) und nur 30% medizinische Versorgung.

Zu erwähnen bleibt, daß Karate im Sinne des Klassischen Karate-Do (kein Sport-Karate!) ebenfalls, wenn auch in geringerem Maße, gesundheitlich wirksam ist. So wurden z.B. in den Pinan-Katas von Itosu bewußt Qigong-Elemente integriert, um den gesundheitlichen und erzieherischen Wert des Karate in den Vordergrund zu stellen.

Verfasser:
Dr. Günther Tonn, 3. Dan
Shotokan Karate-Do seit 1974
staatl. geprüfter Trainer
betreibt seit vielen Jahren parallel Taiji Quan
Ausbildung bei chin. Meistern in China und Europa
unterrichtet seit 3 Jahren in Villach Peking-Form,Yang-Stil, Schwertform, Tui Shu,.....
Literatur Quellen:
Die Essenz des Tai Chi, Waysun Liao, Knaur
Theorie und Technik des Taijiquan, U. Engelhardt, Schorndorf
Taijiquan, Jan Silberstorff, WCTAG-Info
Taijiquan, Dao-Sonderheft, Kolibri-Verlag
Taijiquan + Qigong Lexikon, Gabi Lind, Kolibri-Verlag

Seitenanfang