Quigong - von der Kultivierung der Energie

"Kultivierung der inneren Energie" - so könnte man den chinesischen Begriff "Qigong" übersetzen. Dabei ist der chinesische Wortteil Qi, dem japanischen Ki gleichzusetzen.

 

Ohne das Wissen um Qi (oder Ki) gäbe es heute keine Kampfkünste. Deren Ursprung, liegt in den körperlichen Übungen, die einen Teil des 

Quelle: Gabi Lind, Qigong für alle Kampfkünste; Edition BSK, Sportverlag Berlin;

Qigong darstellen. Ohne Qigong gibt es keine wahre ostasiatische Kunst. "Teetrinken", "Blumenstecken", "Bogenschießen", "Karate" – alles ist dasselbe. Und alles ist nichts, eine leere Hülle, ohne Inhalt, ohne Wert, ohne einen ihrem Ursprung entsprechenden Sinn und ohne Wirkung auf die Ganzwerdung des Menschen. Die Techniken werden zu Formen, in denen lediglich die Befriedigung des eigenen Ego enthalten1 ist.

Doch ursprünglich waren all diese Künste zur Selbsterfahrung und nicht zur Demonstration oder als Wettkampfsport gedacht. Nur wer das zu verstehen sucht, wird je erfahren, was Kampfkunst im Gegensatz zu Kampfsport bedeutet.

 

Qigong ist somit vergleichbar einem Baum, der aus der Lebensenergie die Früchte formt. Das Ziel des Baumes ist es nicht, Äpfel zu produzieren, sondern ein Baum zu sein. Die Früchte sind ja nur die Träger der Samen, aus denen neue Bäume entstehen können. Der Apfel muss dazu verfaulen, um den Kern freizugeben. Ein Apfel, der um seiner selbst genossen wird, zeugt keinen Baum. Die Kampfkünste sind diese Äpfel. Ein Frucht – aber nicht der Zweck. Wenn die Kampfkunst als Ziel die äußere Geschicklichkeit und den Wettbewerb anstrebt, verliert sie die Fähigkeit Neues zu schaffen und der Entwicklung zu dienen.

 

Zwischen der Ausübung der Budokünste und einer echten "Weglehre" gibt es also heute gewaltige Unterschiede. Qigong hält dazu an, die Übungen der jeweiligen Techniken als Kunst zu verstehen, die langsam und stetig gepflegt zur Meisterschaft gebracht werden kann. Qi ist die Energie, die nicht nur den Menschen, sondern auch alles andere durchströmt. Es ist der ursprüngliche Funke, der Leben entstehen lässt und erhält, Qi bewegt sich in Leitbahnen (Meridianen) ähnlich wie durch Kanäle und durchflutet den ganzen Körper des Menschen. Das Qi folgt aber nur natürlichen Bewegungen (sowohl inneren als auch äusseren) und wird von seelischen und körperlichen Lebenshaltungen gestört, die nicht konform mit dem Gesetzen des Dao sind. Wie diese Techniken ausgeführt werden, welches ihr Übungsinhalt ist und wozu sie geübt werden, ist entscheidend für die Verwirklichung ihrer Inhalte. Die falsche Art und Weise der Technik-Übung bewirkt Krankheiten und körperliche und seelische Beschwerden. Daher ist es nicht wichtig, was wir üben, sondern wie wir üben.

 

Viele Bewegungs- und Meditationsformen können im Sammelbegriff von Qigong zusammengefasst werden. Es gibt kein einheitliches, starres Gebilde, und es gibt so viele Stile und Richtungen, dass keine übergreifende Definition ihre Berechtigung haben würde. Dao-yin wurden die Übungen früher genannt (Dao – Führen, Yin – Lenken); oder Tu-gu-na-xin (Tu-gu – Verbrauchtes ausstoßen, Na-xin – Neues aufnehmen); oder ganz kurz Tu-na. Qigong ist ein relativ neuer, erst seit 15 Jahren in China gebräuchlicher, Begriff. Früher wurde auch die Bezeichnung Nei-gong für innere Übung oder Lian-gong für Kraft-Übung verwendet.

 

Da die Kultivierung der innere Energie auf verschiedenste Arten geschehen kann, ist es gleich, ob dies durch Kampfkunst oder Meditation erreicht wird. Die Übungen können mit oder ohne Bewegung, langsam oder schnell, weich oder kraftvoll, dynamisch oder statisch und mit unterschiedlichen Atemtechniken, Hintergrundlehren oder anderen Zusätzen versehen sein. Somit sind auch die traditionellen Kampfkünste ein Teil des Qigong.

 

Genauso wie Bäume aus ein und der selben Energie die verschiedensten Früchte bilden, kann nun auch Qigong je nach System verschiedene "Früchte" in den Vordergrund stellen:

 

  1. Die Gesundheit bewahren

  2. Die Konstitution stärken

  3. Krankheiten vorbeugen, Krankheiten heilen

  4. Das Leben verlängern und Alterserscheinungen verhindern

  5. Die Kampfkraft und das Verständnis für die Kampfkünste erhöhen

  6. Die Erleuchtung im buddhistischen Sinn, oder nach daoistischer Tradition auch die Vereinigung mit dem Dao und die Harmonisierung mit der Natur

  7. Eine starke Persönlichkeit entwickeln

  8. Ein glückliches und zufriedenes Leben führen

  9. Besondere Fähigkeiten entwickeln, z. B. in der Heilung von Krankheiten oder in den Kampfkünsten.

 

Die Philosophen, die Mediziner, die Kampfkunstmeister und die Mönche entwickelten alle ihre eigenen Systeme, die auf ihre speziellen Bedürfnisse ausgerichtet wurden. Heute haben sich viele der Richtungen vermischt, sodass man sie nicht mehr alle zu ihren Ursprüngen zurückverfolgen kann.